Kinderbuch

Bär und Hase – Geschichten von Freundschaft

von Sebastian Görlitzer

INHALTSVERZEICHNIS

1. Kapitel – Eine wunderbare Freundschaft entsteht

2. Kapitel – Der See in der Nähe

3. Kapitel – Das Wettrennen

4. Kapitel – Die Höhle

5. Kapitel – Jambor schwebt in Gefahr

6. Kapitel – Die Heilpflanze

7. Kapitel – Das Haus in der Nähe

8. Kapitel – Das Eichhörnchen Jimmy

9. Kapitel – Der Waldbrand

10. Kapitel – Ein Neuanfang im Wald

1. Kapitel – Eine wunderbare Freundschaft entsteht

Wenn man im Wald ganz leise ist, kann man mit etwas Glück Rehe, Igel und Füchse sehen. Diese Tiere leben nämlich dort. Natürlich aber noch mehr Tiere.
Früher lebten auch Bären in diesem Wald. Darunter auch ein Braunbär namens Benji mit seiner Mutter. Er war noch sehr jung, unerfahren aber dafür sehr neugierig.
Seine Mutter ermahnte ihn oft. Zum Beispiel, dass er sich nicht so weit von der Höhle entfernen soll und immer aufpassen muss, wenn er allein unterwegs war.
Denn Gefahren gibt es überall. Die warnenden Worte seiner Mutter vergaß Benji im nächsten Augenblick häufig, weil so vieles wichtiger erschien.
Heute war ein wunderbarer Tag, um auf Entdeckungsreise zu gehen, dachte sich Benji und schnell hatte er Interesse an einem Stein gefunden, ein Stück abseits von Zuhause der Höhle, in der er mit seiner Mutter wohnte. Interessant war dabei weniger seine Form, sondern was darauf wuchs.
Das spannende daran war wohl das Moos. Grün, weich und gut riechend.
Die gesamte Oberfläche des Steins war rundum mit Moos bewachsen.
Benji schnüffelte zunächst daran, schließlich riss er davon etwas vom Stein herunter und probierte das Gewächs. Es schmeckte eigenartig, nicht aber schlecht.
Dann kam er auf den Geschmack.
„Schmeckt gar nicht so schlecht“, meinte Benji leise zu sich selbst.
Obwohl ihm leckere, saftige Heidelbeeren oder noch besser Walderdbeeren lieber waren, gab er sich mit dem zufrieden, was er soeben gefunden hatte.
Anschließend lief er weiter, in der Hoffnung, neues zu entdecken.
Bei seinem Spaziergang hörte er plötzlich in der unmittelbaren Nähe einen Hilferuf.
Und kurz darauf erneut. Anschließend gleich nochmal. Jemand rief voller Angst um Hilfe. Benji konzentrierte sich auf die Rufe, um ihnen zu folgen. Das fiel ihm gar nicht schwer. Als er immer näher kam, wurde ihm klar, dass es von einem kleineren Tier kommt. Davon sollte keine Gefahr ausgehen, so wie ihn seine Mutter ständig ermahnte aufzupassen. Es klang eher so, als ob dieses Tier in Gefahr war.
Die Hilferufe verrieten es Benji.
Die Schreie endeten an einem Baum, vor dem der kleine Bär nun stehen blieb.
Und noch einmal hörte er die gleichen alarmierenden Rufe.
Benji sah an dem Baum hoch und erkannte an einem der Äste, das dort ein Netz hing. Und in diesem erkannte er einen Körper. Sogar die langen Ohren und das braune Fell konnte er genau erkennen. In diesem Netz zappelte jemand panisch und versuchte sich damit offensichtlich zu befreien. Da Bären klettern können, zögerte Benji nicht lange. Sofort kletterte er den großen Baum hoch und behutsam näherte er sich dem dicken Ast. Stück für Stück kletterte er den stämmigen Baum herauf.
Als er endlich oben angekommen war, löste er das Netz mit den Zähnen und ließ es vorsichtig auf den Boden sinken. Zuerst regte sich etwas in dem Netz und man sah zuerst eine Nase sich dem Ausgang des Netzes nähern.
Eine Nase wie die eines Hasen.
Kurz darauf kam eine Pfote zum Vorschein. Dann noch eine. Der Kopf lugte vorsichtig hervor, dabei konnte man die ängstlichen Augen eines jungen Hasen sehen. Die langen Ohren waren angelegt. So wie es Hasen bei Gefahr machen.
Er war ungefähr im gleichen Alter wie Benji. Beide waren sie jung, unerfahren und neugierig. Sonst hätte der Hase gewusst, dass dies das Werk von Wilderern war.
„Ich bin Jambor“, stellte sich der kleine Gesell vor, als er merkte, dass er sicher war und keine Gefahr mehr drohte. Nachdem er den ersten Schrecken überwunden hatte, stellte er fest, dass ihm ein Bär gegenüber stand. Ein kleiner Bär mit einem freundlichen Gesichtsausdruck.
Obwohl ihn seine Eltern von Anfang an vor größeren Tieren gewarnt hatte, spürte Jambor keine Angst vor ihm und bedankte sich stattdessen bei Benji für die Rettung.
Auch Benji stellte sich ihm jetzt vor und gemeinsam liefen sie eine Weile nebeneinander her. Plötzlich meinte Jambor, dass er nun Zuhause sei und so verabschiedeten sie sich für diesen Tag. Beiden war klar, dass sie sich wieder sehen wollten. Doch es war bereits Abend geworden und ihre Eltern warteten sicher schon auf sie. Diese kurze Begegnung war erst der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.




2. Kapitel – Der See in der Nähe

An einem sonnigen Tag im Frühling war Benji schon sehr zeitig am Morgen unterwegs zu seinem Freund Jambor. Die beiden Freunde sahen sich nun jeden Tag. Sie akzeptierten sich gegenseitig, verstanden sich ausgesprochen gut und fanden immer wieder ein neues Thema über das sie reden konnten. Das ist in einer Freundschaft auch sehr wichtig. Und es spielte keine Rolle, dass Benji ein Bär und Jambor ein Hase war. Viel wichtiger war doch, dass sie sich mochten. Benji war stark und mächtig genug seinen Freund Jambor zu beschützen. Dafür war dieser stets ein guter Zuhörer. Als Benji an diesem Morgen an der Höhle, des kleinen Hasens ankam, schien noch alles ruhig und Jambor schlief wohl noch.
Er wartete nicht wie üblich vor der Höhle auf Benji.
Dafür empfing Mutter Hase Benji.
„Guten Morgen Benji“, begrüßte sie ihn freundlich.
„Guten Morgen Mutter Hase“, begrüßte auch Benji sie gutgelaunt.
„Ein herrlicher Tag heute, nicht wahr?“, fragte sie den Bären, den sie selber sehr schätzte. Nicht nur, weil er Jambors Freund war, sondern weil er ihrem Sohn das Leben gerettet hatte.
Benji liebte die Sonne, liebte es, wenn sie ihre Strahlen durch das Dickicht der Bäume warf. Davon konnte man nur gute Laune bekommen.
Er nickte und lächelte sie dabei vergnügt an.
„Was habt ihr heute vor, du und Jambor?“ fragte sie neugierig.
„Gestern wussten wir es noch nicht. Es wird uns aber sich noch etwas einfallen“, antwortete ihr Benji.
„Stellt euch vor, weiter südlich von hier gibt es eine große Wiese und ein See ist auch dabei. Das wäre doch eine wunderbare Idee. Jetzt, wo der Schnee verschwunden ist, macht es bestimmt viel Spaß dort herumzutollen und zu spielen“, schlug die Mutter Benji bei der Suche nach Ideen vor. Benji überlegte kurz und fand die Idee super. Das würde er Jambor vorschlagen, wenn er denn bald wach wurde. Kurz darauf kam ein kleiner verschlafener Hase aus der Höhle gekrochen.
Er hatte die Stimmen gehört und wollte nachschauen, wer sich da unterhält.
Es war Jambor und er war wie jeden Morgen begeistert Benji zu sehen.
„Da ist er doch schon“, meinte Mutter Hase, wünschte den beiden viel Spaß und verschwand mit ein paar Wurzeln, die sie unterdessen vor der Höhle gesammelt hatte, in der Höhle.
„Wollen wir zur großen Wiese?“, fragte Benji seinen Freund.
„Das war die Idee deiner Mutter und ich bin davon nicht abgeneigt“, ergänzte er noch.
„Ich habe schon viel von der Stelle gehört, war aber noch nie dort gewesen“, meinte Jambor und war ebenfalls von diesem Ziel angetan. So machten sich Benji und Jambor auf den Weg und es war gar nicht so weit entfernt. Um dorthin zu gelangen, mussten sie den Wald verlassen. Umso größer war jedoch die Freude, als sie ankamen. Benji fiel auf, dass die Sonne ihre Strahlen auf den See warf und das Wasser glitzerte dabei in einem blauen Farbton. Es war ein wunderschöner Anblick. Das Wasser zog Benji förmlich an.
So wartete er nicht lange und rannte darauf zu. Jambor hingegen vergnügte sich im grünen Gras und reckte und streckte sich darin im Löwenzahn. Benji hätte es allerdings lieber gesehen, wenn sein Freund zu ihm ins Wasser kam. Er konnte nicht ahnen, dass Hasen niemals freiwillig ins Wasser gehen. So bat ihn Benji: „Komm mit ins Wasser, kleiner Freund.“
„Nein, Danke, mir reicht diese riesige grüne Wiese. Es ist herrlich hier aber ich kann auf Wasser nur zu gern verzichten“, antwortete ihm Jambor daher. Das sah Benji als Herausforderung und neckte Jambor, indem er ihn mit Wasser vollspritzte.
Er hatte nicht damit gerechnet, dass er Jambor damit kränkte. Jambor fühlte sich das erste Mal unverstanden von Benji und wollte schon fast nach Hause zurück gehen. Irgendetwas hielt ihn aber davon ab. Benji kam aus dem Wasser, kam auf Jambor zu und schüttelte sich vorher gründlich das Fell trocken. Ganz zum Ärgernis von Jambor.
„Hast du etwa Angst vor Wasser, Jambor?“ fragte Benji ihn besorgt. Er konnte sich nämlich nicht erklären, warum sich sein kleiner Freund so sehr gegen Nässe wehrte.
„Ja, das muss wohl in der Natur der Hasen liegen“, gestand Jambor leicht beschämt.
Benji überkam ein schlechtes Gewissen. Hätter er das eher gewusst, hätte er sich wohl anders verhalten. Verständnisvoll bot er Jambor an:
„Dann lass uns etwas spielen, das uns beiden Freude macht.“
Der Tag war zu schön, um traurig zu sein.
Daher stupste Benji seinen kleinen Freund aufmunternd an. Der Tag war gerettet, Jambor blieb. Den Rest des Tages spielten sie vergnügt auf der großen, grünen Wiese voller Löwenzahn Verstecken und tollten auf der Wiese herum. Das Wasser war kein Thema mehr und Benji dachte auch nicht mehr darüber nach, warum Hasen Furcht davor haben. Die Zeit verging wie im Flug und schnell wurde es Abend.
Noch bevor es dunkel wurde, machten sich Benji und Jambor auf den Weg zurück nach Hause. Es war ein schöner Tag. Jambor gab ehrlich zu, dass er Angst vor Wasser hatte und Benji verstand. Weil er ein Freund war, akzeptierte er dies. Beide hatten eine Menge Spaß und freuten sich auf das nächste Mal, wenn sie wieder einmal zur großen Wiese aufbrechen würden.

3. Kapitel – Das Wettrennen

Der Frühling war fast vorüber und viele schöne Tage folgten nacheinander.
Tage an denen Benji und Jambor viele Unternehmungen machten und sich immer wieder neues einfallen ließen.
Heute nutzten sie das schöne Wetter um auf Erkundungsreise zu gehen.
Benji hatte gehört, dass Bären in der Regel langsame und meist gemütliche Tiere seien. Jedenfalls waren sie langsamer als manch anderes Tier. Jambor war der Meinung, dass er es mit Benji in einem Wettrennen aufnehmen könnte und forderte den Bären heraus.
„Ich bin schneller als du. Lass es mich dir beweisen“, bat Jambor Benji.
Darauf ließ sich Benji ein und schlug deshalb vor:
„Lass uns ein Wettrennen machen.“
Natürlich wartete Jambor hin und wieder auf Benji, damit er hinterher kam, doch das rennen fiel Benji schwerer als er zugeben wollte. Beinah hätte er zugegeben, dass Jambor flinker war als er.
Es entstand ein Wettrennen in kurzer Zeit. Querfeldein durch den ganzen Wald rannten sie, ohne darauf zu achten, wo sie am Ende überhaupt ankamen.
Es fiel ihnen nicht sofort auf, sondern erst als Benji die Kräfte verließen.
Erschöpft und müde sank er zusammen und blieb liegen.
„Was für ein Spaß“, sagte er leise vor sich hin lachend. Das hörte Jambor natürlich nicht, weil er bereits einige Meter weiter gerannt war.
Erst später fiel es Jambor auf, dass Benji nicht mehr hinter her kam. Ihm fiel nicht mal mehr auf, dass Benji eine kurze Pause eingelegt hatte. Schnaufend lag er auf dem Waldboden. Dennoch hatte nicht nur Jambor bei diesem Wettrennen seinen Spaß. Wer gewinnen würde, war für die beiden Freunde zum Schluss egal. Vielmehr zählte die Freude an diesem Wettrennen. Benji raffte sich nach einiger Zeit wieder auf. Doch keiner von beiden wusste, wo sie waren. Diesen Teil des Waldes kannten sie noch nicht. Sie hörten genausowenig das warnende Kreischen eines Greifvogels am Himmel. So versuchten Jambor und Benji mithilfe ihrer Instinkte, den richtigen Weg nach Hause zu finden. Erst als sie nach einer ganzen Weile an dem See, an dem sie vor nicht allzu langer Zeit spielten, ankamen, fiel ihnen auf, wo sie waren und wussten wieder wie sie nach Hause kamen. In diesem Moment horchte Benji jedoch auf.
„Menschen“, sagte er, als er sich aufrichtete und seinem Instinkt folgte.
„Sie sind schon sehr nah“, ergänzte Benji seinen Warnruf.
Er witterte den alten Geruch, den er einst aufgenommen hatte, als er Jambor in einem Netz an einem Ast im Wald hängen sah und erinnerte sich daran.
„Das bedeutet Gefahr“, bestätigte Jambor Benjis Befürchtung.
„Wir sollten achtsam sein,“ ermahnte Benji seinen Freund. Sie nahmen sich vor, auch andere Waldbewohner zu warnen, die ihnen begegnen sollten.
Gemeinsam eilten sie in den Wald. Zunächst trafen sie ein paar Rehe und warnten diese. Denn Rehe sind ihre Freunde. Sie sind schüchtern dafür aber sehr neugierig . Wie Benji und Jambor sie warnten, nahmen sie den kürzesten Pfad um sich in Sicherheit zu bringen. Den Rehen folgten auch andere Waldbewohner, die unterwegs waren und beeilten sich zu ihren Höhlen zu kommen.
Benji und Jambor hatten ihre Freunde gewarnt. Jetzt mussten sie nur noch auf sich selber aufpassen und sich in Sicherheit bringen. Während sie so durch den Wald liefen, bemerkte Jambor, dass Benji tief in Gedanken versunken war und fragte ihn:
„Was ist los, kleiner Bär?“
Benji erzählte Jambor von seinem Traum vor einer ganzen Weile. Er war in diesem Traum in einem Käfig eingesperrt, weil er vor den Jägern, die durch den Wald streunten, nicht schnell genug entkommen konnte.
„Ich hörte sie sagen, dass sie mich an einen Zirkus verkaufen wollen, was auch immer das ist“, sagte Benji mit Angst in der Stimme. Jambor, der nicht zugab, vor einer ganzen Weile ebenfalls einen ähnlichen Traum gehabt zu haben, sagte mit aufmunternden Worten:
„Du wirst nicht eingesperrt oder an einen Zirkus verkauft. Du magst einer der liebenswertesten Bären sein, die ich je kennengelernt habe. Im Notfall allerdings wirst du dich ausreichend wehren können, so dass du nicht eingesperrt wirst.“
Benji sah Jambor mutig an.
„Stimmt, ich bin der mutigste Bär auf der ganzen Welt“, sagte Benji stolz und schob seine Gedanken weit beiseite. Jambor war zufrieden und schlug nun vor:
„Gut, dann lass uns jetzt nach Hause gehen.“ Sie rannten noch einmal kurz um die Wette. Bis sie an Jambors Höhle ankamen. So abwechslungsreich der Tag auch war, nun waren die beiden Freunde müde. Es war aber nicht nur ein erlebnisreicher Tag, sondern auch einer voller Spaß und neuen Erfahrungen.

4. Kapitel – Die Höhle

Eines Tages erzählte Mutter Bär ihrem Sohn und Jambor, der zu Besuch war, von einer Höhle etwas außerhalb des Waldes. Den hatten Menschen früher als Lagerplatz verwendet und diente ihnen als Unterschlupf. Bei dem Wort Mensch bekam Jambor Angst und er erinnerte sich an das Netz im Baum, in dem er vor langer Zeit hing. Das war die Zeit, in der sich Benji und Jambor kennengelernt hatten.
„Die Höhle steht jahrelang leer. In der wohnen jetzt sicher andere Tiere. Möglicherweise der alte Dachs oder der Igel im Winter. Ich war lange nicht mehr dort“, erzählte Mutter Bär. Benji, der mutigere von den beiden Freunden, wollte wissen, wie man die Höhle findet.
„Da musst du nicht lange suchen, kleiner Bär“, erklärte ihm seine Mutter, „es ist zwar etwas weit, aber nicht schwer zu finden“.
Sie nahm sich die paar Minuten Zeit, um Benji und Jambor den Weg zu verraten. Benji konnte es kaum erwarten und überredete Jambor mitzukommen. Letztendlich waren sie beide neugierig geworden. Jambor willigte ein und sogleich machten sie sich auf den Weg. Dabei ging Jambor nur im Wissen mit, dass sein großer, starker Beschützer, sein Freund Benji, bei ihm war. Mit ihm an seiner Seite fühlte er sich sicher.
„Es kann dir nichts passieren“, ermutigte ihn sein treuer Freund.
„Das möchte ich dir gern glauben“, antwortete ihm Jambor, “sobald wir jedoch Gefahr wittern, kehren wir um. Versprochen?“ bat ihn Jambor.
„Versprochen“, versicherte ihm Benji.
Dann liefen sie durch den Wald, kamen an den unterschiedlichsten Stellen vorbei, die ihnen bekannt waren und je weiter sie liefen, umso mehr kamen sie an Stellen des Waldes vorbei, die ihnen fremd waren. Der Weg dorthin war nicht ganz so lang, wie sie gedacht hatten. Und dann erreichten sie die Höhle von der Benjis Mutter ihnen erzählt hatte, und die tatsächlich leicht zu finden war.
„Der Eingang ist völlig mit Wurzeln und Gestrüpp zugewachsen“, stellte Jambor fest.
Benji antwortete daraufhin: „Hier war sicher schon seit Ewigkeiten niemand mehr.“
Leise und dennoch etwas ängstlich meinte Jambor: „Es scheint tatsächlich so“.
Vorsichtig bewegte sich Benji in den Eingang der Höhle, tastete sich immer weiter vor und war es selber, der unerwartet erschrak. Kleine leuchtende Punkte kamen ihnen entgegen. Sie flogen direkt auf die beiden Freunde zu. Mit neugierigen Blicken stand Jambor hinter Benji, der keine Angst hatte, sondern verblüfft war, was da auf sie zuflog. Es waren Leuchtkäfer, so nannte man sie. Es waren sicher an die hundert Stück. Ob es wahrhaftig so viele waren, konnten Benji und Jambor nicht sagen.
Man konnte sie nicht einzeln zählen, immerhin waren sie schnelle Flieger.
Die waren durch den Besuch von Benji und Jambor aufgeschreckt worden.
Dabei flogen die meisten eng an der Wand entlang, so dass Jambor weiter oberhalb von sich etwas erkannte. An manchen Stellen der Höhlenwände waren Zeichnungen zu erkennen. Zeichnungen wie von Menschenhand.
„Schau nur“, sagte Jambor, „ist das nicht ein Bär, was man da erkennt?“, fragte Jambor erstaunt.
„Und dort ein Hase“, bestätigte ihn Benji, als er das Gekritzel ebenfalls erkannte.
„Ein Hase und ein Bär“, sagte Jambor vergnügt. Das Bild zeigte gut sichtbar einen kleinen Bären und einen Hasen, die sich gegenüberstanden. Dabei sah der Bär nicht gefährlich aus. Ganz im Gegenteil. Eben solcher hatte einen Ast im Maul und der Hase saß stolz vor ihm. Ein Bild, das eigentlich nur aus der Fantasie heraus entstanden sein konnte. Oder doch nicht? Immerhin waren Benji und Jambor schließlich auch Freunde. Sehr gute Freunde sogar. Benji konnte sich niemals vorstellen, Jambor zu fressen, denn er wusste genau, dass Jambor sein bester Freund war. Andersrum war es genauso. Auch der freundliche Hase, der sich ebenso gern wie Benji nur von Beeren, Gras und Wurzeln ernährte, schätzte die Freundschaft zu diesem Bären genauso. Einer ohne einander ging nicht.
Darüber waren sich beide einig. Und so sollte es bleiben.
„Ein schönes Bild“, meinte Benji plötzlich und riss Jambor aus seinen Gedanken.
Jambor fand das Gemälde an der Wand ebenso toll.
„Es wäre schön, wenn es im Reich der Tiere immer so wäre“, brachte Jambor an und stellte sich eine Welt voller Harmonie im Tierreich aber ebenso zwischen Mensch und Tier vor.
Doch so einfach war das leider nicht. Das wussten sie bereits.
Allerdings waren sie froh und vor allem sehr stolz darüber, dass sie sich gegenseitig akzeptierten und gut miteinander waren. Mehr, so fanden Jambor und Benji, konnte man nicht erwarten.
Diese Freundschaft zwischen ihnen war was ganz besonderes.
Und so verließen sie die Höhle und machten sich auf den Weg nach Hause.


5. Kapitel – Der Angriff

Als Benji und Jambor eines Tages mal wieder nicht wussten, was sie anstellen sollten, war ihnen natürlich langweilig. Sie überlegten, wohin sie gehen konnten und welches Abenteuer sie noch nicht erlebt hatten.
„Wie wäre es, wenn wir uns auf den Weg zu der großen Wiese machen?“, schlug Benji vor.
„Dort waren wir schon so oft“, antwortete ihm Jambor und da er keine bessere Idee hatte, stimmte er ein. So durchquerten sie den Wald, kamen an den vielen Bäumen vorbei und grüßten jeden Waldbewohner, den sie trafen. Das Eichhörnchen war wie jeden Tag in Eile. Die Eule schlief auf ihrem Lieblingsast, weil sie die ganze Nacht unterwegs war. Und als sie an der Höhle des Dachses vorbeikamen, hatte dieser mal wieder schlechte Laune und grüßte mit einem miesgrämigen:
„Guten Tag, ihr zwei. Stellt keinen Unsinn an und passt auf, wohin ihr tretet, nicht dass ihr junge Pflanzen zertretet.“ Benji lachte bei der Ermahnung des Dachses.
„Warum lachst du Benji?“, wollte Jambor wissen.
„Hast du den Dachs nicht gehört?“, fragte dieser ihn.
„Wir kennen ihn nicht anders. Er ermahnt uns doch ständig“, antwortete Jambor verwirrt.
„Der führt sich auf wie der wichtigste hier. Wie der König des Waldes.“
Jambor verstand nicht, was daran so lustig sein sollte. So war der Dachs nun mal. Benji amüsierte sich über die Unwissenheit seines kleinen Freundes und erklärte ihm: „Ich bin zwar ein Bär und darum habe ich auch große Füße als andere Waldbewohner, allerdings habe ich dafür auch die größere Verantwortung, sagt meine Mutter stets“.
Jambor verstand und war stolz darauf, einen so klugen Freund an seiner Seite zu haben. Dann erreichten die beiden Freunde die Wiese. Sie blieben stehen und sahen über die gigantisch grünen Hügel, die man von hier aus sehen und gut überschauen konnte. Plötzlich wurde Jambor aus den Gedanken gerissen. Erschrocken sah er nach rechts zu Benji, der grinsend neben ihm stand.
„Na, komm schon, versuch mich zu fangen“, begann dieser Jambor zu einem weiteren Wettrennen zu animieren. Herausfordernd blickte Benji seinen Freund an. Und im nächsten Moment rannte er auch schon los und Jambor hinter ihm her.
Sie waren beinah gleich schnell. Was aber keiner von beiden ahnte, war, dass sie beobachtet wurden. Am Himmel kreiste ein Mäusebussard auf der Suche nach Nahrung. Das entging Benji und Jambor, weil sie noch immer damit beschäftigt waren, sich gegenseitig zu fangen. Es dauerte aber nicht lange, da erkannte der Greifvogel Jambor und steuerte in einem Augenblick, in dem Benji nicht hinsah auf den jungen Hasen zu. „Hilfe, Benji!“, rief Jambor verzweifelt, als er attackiert wurde und sich hilflos ins Gras warf. Benji scheuchte den übergroßen Vogel mehrmals davon. Nach drei Versuchen gab der Angreifer zunächst auf. Jambor hatte einen zu starken Verteidiger bei sich. Denn jedes Mal, wenn er versuchte Jambor anzugreifen, kam Benji auch schon angerannt und gab ihm mit der rechten Tatze ordentlich eins drauf. Irgendwann war der Mäusebussard von seinen vergeblichen Angriffen dermaßen erschöpft, dass er davon flog. Benji blieb eine Weile in Abwehrhaltung, sollte der Angreifer es noch einmal versuchen. Doch je weiter dieser davon flog, umso sicherer war Benji, dass sie zunächst Ruhe vor ihm hatten.
„Jambor, geht es dir gut?“, erkundigte sich Benji, als er seinen Freund zitternd im Gras hocken sah.
„Es geht mir gut. Danke, Benji. Du hast mir ein weiteres Mal das Leben gerettet.
Dafür bin ich dir sehr dankbar“, sagte Jambor noch immer keuchend vor Angst.
„Dafür sind Freunde doch da“, meinte der junge Bär und half seinem Freund auf die Füße.
Erst jetzt sah Benji, dass Jambor am linken Bein verletzt war.
So half er seinem Freund auf und bot ihm an, sich auf seinen Rücken zu setzen. Indem er sich auf die Wiese legte, konnte Jambor aufsteigen. Erst als Jambor sicher saß, stand Benji auf.
Benji trug seinen Freund durch den ganzen Wald bis nach Hause und dort erklärten sie Mutter Hase was an diesem Tag passiert war.
Auch Mutter Hase bedankte sich. Vorsichtig hoppelte Jambor in die Höhle, aber nicht ohne sich von Benji zu verabschieden und sich ein weiteres Mal zu bedanken.

6. Kapitel – Die Heilpflanze

Nach fünf Tagen war Jambors Bein noch immer nicht verheilt. Er hatte Schmerzen und konnte keine weiten Strecken zurücklegen. Benji schaute jeden Tag bei Jambor vorbei. Ihm musste sehr langweilig sein. Bei jedem Besuch brachte er seinem Freund Butterblumen mit. So auch an diesem Tag.
Die wuchsen gerade auf den Wiesen. Benji wusste, dass Jambor diese Blumen mit ihren gelben Blüten und ihrer heilenden Wirkung sehr mochte. Umso mehr freute sich Jambor darüber. Genüsslich knabberte er an ihnen, nachdem Benji die Pflanzen abgelegt hatte. Benji sah sich nebenbei die Wunde an Jambors Bein an.
„Die will einfach nicht verheilen“, sagte Jambor besorgt. Dann widmete er sich wieder den Butterblumen. Benji machte sich Sorgen und fragte sich, ob man da nichts machen könnte. Er wusste, wen man in solchen Dingen am besten um Rat fragt und mit einer kurzen Verabschiedung, machte er sich auf den Weg. Jambor schaute seinem Freund verwundert hinterher. Da er ihn aber lange genug kannte, wusste er, dass er nicht lange weg blieb und so widmete er sich weiter den gelben Blüten.
Benji lief eine ganze Weile durch den Wald, bis er endlich ankam. Er hatte Glück.
Der alte Dachs war Zuhause. Erleichtert atmete er auf. Denn das bedeutete, dass sein Weg nicht umsonst war. Benji wusste, dass man sich im gesamten Wald erzählte, dass sich der Dachs mit Heilpflanzen auskannte.
„Wie kann ich dir helfen, junger Bär?“, fragte der alte Dachs, nachdem sie sich begrüßt hatten.
Benji erzählte ihm die Geschichte, die ihn zu ihm führte.
„Mein Freund wurde vor ein paar Tagen von einem Mäusebussard verletzt, und nun möchte die Wunde nicht verheilen. Kannst du uns helfen?“ Der Dachs überlegte, denn er war sich sicher, dass es dafür ein Heilkraut gab. Es war nur schon sehr lange her, als ihn jemand danach fragte. Obwohl die Freundschaft zwischen einem Bären und einem Hasen ihm sehr untypisch erschien, half er den beiden gern.
Denn eben diese außergewöhnliche Freundschaft machte sie so besonders.
Dem Dachs fiel letztendlich ein, mit welcher Pflanze seinem Freund geholfen werden konnte. Und genauso wo sie zu finden war.
„Unten am Moor, nur ein paar Meter von hier, findest du eine Pflanze. Sie sieht aus wie eine ganz gewöhnliche Blume, allerdings hat sie die Fähigkeit, jede Wunde in kürzester Zeit verheilen zu lassen.“ Benji staunte.
„Was ist das für eine Zauberblume, von der du sprichst?“, wollte er wissen.
„Das hat nichts mit Zauberei oder Magie zu tun. Die Natur bietet viele solcher Pflanzen, die ganz spezielle Wirkstoffe haben. Man muss nur achtsam sein.“
Danach erklärte der Dachs ihm, wie er mit der Pflanze umzugehen hatte, und wie die Wunde seines Freundes damit zu behandeln war.
Erst als er seine Erklärung beendete, brach Benji auf und folgte dem Weg, der ihm beschrieben wurde. Weit musste er nicht laufen, denn das Moorgebiet war wirklich nicht weit entfernt.
Nur ein paar Meter abseits vom Wald lag es. Wie der Dachs sagte, lief er achtsam am Moor vorbei und achtete auf diese eine Blume, die er dennoch für eine Zauberblume hielt. Er lief und lief und hörte dabei Frau Eule, die den Abend ankündigte und hielt die Augen nach der Zauberblume auf. Endlich. Da war sie. Versteckt inmitten von Gräsern. Er pflückte sie vorsichtig und trug sie den ganzen Weg zurück. Bei Jambor angekommen, behandelte er die Wunde, genauso wie es ihm der Dachs beschrieben hatte. Er machte alles behutsam nach Anleitung.
Jambor staunte über Benjis Entdeckung, genauso wie auch er vorhin gestaunt hatte, als der Dachs ihm von dieser Pflanze erzählte. Der Dachs sollte recht behalten.
Nach wenigen Tagen konnte Jambor wieder wie eh und je umher hoppeln und war guter Dinge. Er freute sich sehr, dass er gemeinsam mit seinem Freund neue Abenteuer erleben konnte.

7. Kapitel – Das Haus in der Nähe

Als Benji und Jambor an diesem Nachmittag wieder einmal unterwegs im Wald waren, folgten sie einem anderen Weg als den, den sie kannten. Dabei verließen sie den Wald und kamen an einem Grundstück vorbei. Ein Grundstück mit einem Haus und einigen Sonnenblumen am Gartenzaun. Die wuchsen hoch empor. Alles schien hier gepflegt und einladend. Jambor konnte fremde, aber auch bekannte Gerüche wahrnehmen. Benji hingegen schien irgendetwas magisch anzuziehen.
Jambor stand neben ihm und war verwundert.
„Was ist mit dir, Benji?“, fragte ihn deshalb Jambor.
„Hier ist etwas, dass ich noch nicht kenne, was mich aber anzieht“, erklärte Benji seinem Freund.
„Wir sollten dennoch vorsichtig sein“, ermahnte ihn Jambor.
Beide hatten die Erfahrung gemacht, dass etwas von Menschenhand erschaffenes nicht immer etwas gutes war.
Jambor ging behutsam voran und achtete stets darauf, dass Benji dicht hinter ihm blieb. Sie betraten das Grundstück und dann war es Jambor, der da stand und staunte. Ein ganzes Beet voller Mohrrüben. Das musste das Paradies sein.
„Hier könnte ich bleiben bis es Abend wird“, meinte Jambor. Doch Benji war nicht mehr hinter ihm. Heimlich und leise lief er in die andere Richtung. Als es Jambor bermerkte, war es zu spät. Er ahnte schlimmes und suchte Benji hinter dem Haus und erschrak. Von seinem Freund war nichts zu sehen. Dafür sah er nun, große aus Holz gebaute Kästen mit vergitterten Türen, die er noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Es waren Hasenställe, die sich Jambor jetzt genauer ansah.
Benji war kurzerhand vergessen. Jambor hoffte, dass er nichts anstellte, was ihnen beiden zum Verhängnis werden konnte. Er war zwar der größere und stärkere von beiden, nur war in diesem Fall Vorsicht geboten. Da diese Ställe allerdings viel interessanter waren, blieb er dort und gab die Suche nach seinem Freund vorerst auf. Kurz darauf konnte man von irgendwoher ein lautes Krachen hören. Es klang so, als ob etwas aus Holz zusammengebrochen wäre. Es war gar nicht so weit entfernt.
Es musste etwas mit Benjis Verschwinden zu tun haben. Es folgte glücklicherweise kein Hilferuf. Wie Jambor bemerkte, dass sich jemand hinter diesen vergitterten Türchen der Ställe bewegte, wurde er neugierig. Dann sahen sich zwei fast gleich aussehende Hasen an. Der eine war hell und der andere nur ein klein wenig dunkler als Jambor. Aber viel interessanter war, dass sie unterschiedlich groß waren.
Obwohl sie etwa im gleichen Alter waren, war Jambor bei weitem größer als Floppy. Die Unterschiede fielen aber kaum auf. Beide waren sie Hasen. Jambor war ein Feldhase und Floppy ein Stallkaninchen.
„Wer bist du?“, fragte der fremde Hase, der ebenso neugierig durch die Gittertür zu Jambor schaute, wie er selber. Jambor stellte sich vor und dann stellte sich ihm das gleichgesinnte Kaninchen vor: „Mein Name ist Floppy.“ Jambor musste lachen.
„Was für ein seltsamer Name“, stellte er fest.
„Den Namen gab mir meine Mutter, weil ich der lebhafteste von all meinen Geschwistern war,“ erklärte Floppy. Er war auch heute noch ein sehr lebhaftes und neugieriges Kaninchen. Ebenso wie es Jambor war. Jambor verstand nicht, wie er sich in dem kleinen Stall frei bewegen konnte. Ihm wäre es viel zu eng.
Er kannte aber auch den Wald und lebte in Freiheit.
„Woher kommst du, Jambor?“, wollte Floppy wissen.
Prompt erzählte Jambor ihm von all den Abenteuern, die er gemeinsam mit Benji bereits unternommen hatte. Wie schön es ist im Wald herumzutollen und frei zu sein.
„Das muss toll sein, so unbeschwert überall hingehen zu können, wo man nur hingehen möchte“, meinte Floppy. Jambor bestätigte ihm diesen Gedanken und fragte:
„Wieso, kommst du nicht mit uns in den Wald? Wir könnten gemeinsam Abenteuer erleben.“
Die Idee war gar nicht dumm, fand Floppy. Nach einer kurzen Überlegung erklärte er Jambor aber: „Es ist so, dass ich hier meine Familie habe. Ich könnte hier nicht weg, wenn ich es auch noch so gern wollte. Schnell würden mir meine Familie und Freunde fehlen.“
Jambor verstand natürlich und versprach ihm: „Dann werde ich dich ganz, ganz oft besuchen kommen. Der Wald ist nicht weit von hier.“ Das gefiel Floppy und er freute sich über einen neuen Freund, wie auch Jambor sich freute. Dann fiel ihm plötzlich Benji wieder ein. Wo könnte er nur stecken?
„Jambor?“ Plötzlich drehte sich Jambor um, als er seinen Namen hörte. Da stand er. Benji. Sein Maul war voller Honig und das erklärte auch das Poltern, das man sicher bis in den Wald hören konnte.
Benji hatte sich von seinem Instinkt leiten lassen und dieser führte ihn direkt zu den Honigwaben im Bienenstock. Honig lockt Bären an, das ging auch an Benji nicht vorüber. Er hatte noch nie Honig probiert. Nun war er auf den Geschmack gekommen und stellte sich vor, dass er jederzeit wieder einmal hierher kommen würde. Ganz zum Missfallen von Jambor, der sich Sorgen um den Freund machte.
Er fand, dass Benji zu unvorsichtig war. Allerdings sah es zu lustig aus, wie Benji vor Jambor und Floppy stand, das Maul voller Honig. So mussten Jambor und Floppy gleichzeitig laut lachen.
Nachdem Jambor Benji seinen neuen Freund vorgestellt hatte, stellten sie fest, dass es Zeit war, nach Hause zu gehen. Also verabschiedeten sie sich von Floppy und liefen den langen Weg durch den Wald nach Hause.


8. Kapitel – Das Eichhörnchen Jimmy

Eines Morgens wurde Jambor von lauten Rufen und reger Hektik vor seiner heimischen Höhle geweckt. Verschlafen ging er nach draußen, um zu erfahren, was es mit dem Krawall auf sich hatte. Wie er schnell feststellte, war ein Eichhörnchen der Grund. Der kleine, flinke Kerl kletterte von Baum zu Baum und erzählte während er dies tat, von Gefahr, die bald auf alle Waldbewohner zukommen würde.
Jambor wusste nicht, was er davon halten sollte, und wollte zurück in die Höhle schleichen, als das Eichhörnchen prompt vor ihm stand und ihm nun persönlich von einer nahenden Gefahr erzählte, hörte Jambor ganz genau zu. Später kam Benji dazu, der ebenso wie Jambor von dem Krach des Eichhörnchens wach wurde.
„Was soll dieser ganze Krach und warum verbreitest du solch eine Panik im ganzen Wald?“, wollte Benji wissen, der etwas sauer war, denn Krawall mochte er überhaupt nicht. Das Eichhörnchen erklärte ihnen:
„Bald schon wird der Wald in Flammen stehen.“ klagte das Eichhörnchen erneut und setzte fort: „Kaum jemand wird sich retten können.“ Jambor sah plötzlich die Angst in den Augen des Eichhörnchens und fragte sich nunmehr, ob sie die Warnung nicht doch ernst nehmen sollten und vorsichtig sein mussten. Benji, der an Träume nicht so recht glauben mochte, versuchte ihn stattdessen zu beruhigen.
Irgendwann wurde, Jimmy, so hieß nämlich das Eichhörnchen wirklich etwas ruhiger. Schließlich bat er mit leiser Stimme:
„Bitte nehmt meinen Traum ernst. Von dem meisten, das ich jemals träumte, wurde immerhin alles wahr und darum bitte ich euch, seid vorsichtig“. Nun war auch Benji etwas verständnisvoller. Auf der einen Seite kannten sich die drei überhaupt nicht, daher war es für Benji und Jambor unerklärlich, warum ausgerechnet Jimmy, das Eichhörnchen, sie warnte. Allerdings konnte dieser Traum nicht unbedingt aus reiner Fantasie entstanden sein. Es könnte jederzeit zu einem Brand kommen.
Es war immerhin ein heißer Sommer. Daher sollte man vorsichtig sein. Am Abend so nahm sich Benji vor, wollte er mit seiner Mutter über Jimmys Traum sprechen.
So kam es dann auch und Mutter Bär sagte:
„Träume und Visionen, mein Sohn, können zu jeder Zeit in Erfüllung gehen.
Die einen glauben daran, die anderen eben nicht. In diesem Fall schlage ich vor, sollten wir den Traum von Jimmy nicht völlig ignorieren und achtsam sein.“
Benji nickte und kuschelte sich an seine Mutter. Er war müde geworden.
Er war dankbar für die Sicherheit, die ihm die Mutter bot. Dankbar für ein Zuhause, das nicht jeder hatte. Ihm wurde bewusst, dass er doch alles hatte, was nötig war, um ein angenehmes Leben zu führen. Er hatte so einiges mit seinem Freund Jambor erlebt, und vieles sollten sie noch erleben. Mit diesem wunderbaren Gedanken schlief er ein und träumte in dieser Nacht von der großen Wiese, die er so gern mit Jambor besuchte.

9. Kapitel – Der Waldbrand

Einige Tage später waren Jambor und Benji an einem frühen Nachmittag wieder einmal auf Entdeckungsreise und hielten sich abseits vom Wald auf. Sie genossen die Ruhe und Benji erzählte Jambor eine Geschichte, die er vor kurzem von der Eule gehört hatte. Über Mäuse und wie wichtig selbst diese kleinen Tiere sind.
Nicht nur im Wald, sondern auch außerhalb davon. Auch seine Mutter war der Ansicht. „Jedes noch so kleine Tier in diesem Kreis des Lebens hat seinen Platz und seine Aufgabe. Jeder bringt sich irgendwo ein und jeder hat seine persönliche Begabung. Das gilt für die Tiere, genauso wie für den Menschen“, sagte Mutter Bär. Dass das wohl wahr sei, fand nicht nur Benji, sondern auch Frau Eule, die dem Gespräch folgte. Nur Jambor schien nicht so richtig zu wissen, was seine Begabung war. Enttäuscht erwiderte Jambor deshalb: „Ich werde wohl nie herausfinden, was die Aufgabe der Hasen in dieser Welt ist.“ Benji schmunzelte und antwortete ihm:
„Du wirst es herausfinden. Irgendwann. Solange sei dir sicher, dass deine größte Stärke dein großes Herz für jedes Lebewesen ist. Wie du dich um andere kümmerst, so gut bekommt das kein anderer hin.“ Aufbauende Worte waren manchmal nötig. Dabei war Benji sich sicher, dass Jambor nur noch nicht herausgefunden hatte, wozu er eigentlich imstande war. Gemeinsam haben sie so einige Abenteuer gemeinsam erlebt. Darum wird auch Jambor bald schon herausfinden, wozu er fähig ist.
Nach einer gewissen Zeit, wie die beiden Freunde sich unterhielten, fiel Jambor etwas auf:
„Sag, Benji, riechst du das nicht auch? Es riecht so merkwürdig nach verbranntem Holz,“ meinte Jambor als er einen fremdartigen Geruch in die Nase bekam.
Benji war es bislang noch nicht aufgefallen. Dann stellte er sich aber auf die Hinterbeine und sein Oberkörper richtete sich auf.
Dann erst roch er nicht nur den eigenwilligen Geruch, sondern sah auch den Qualm, der von den hohen Baumwipfeln emporstieg. Es wehte an diesem Tag nur ein leichter Wind und doch reichte dieser aus, um ein Feuer zu entfachen, dass sich blitzschnell auszubreiten vermochte. Egal was der Grund für diesen Waldbrand war, es musste so schnell wie möglich wieder gelöscht werden. Dafür brauchten die Freunde aber Hilfe. Erst als sie dem Wald näher kamen, sahen sie, dass Rehe, ein paar Igel, selbst der alte Dachs und viele weitere Tiere den Wald verließen und um ihr Leben rannten. An einem Baum saß traurig ein junger Fuchs. Offensichtlich war er allein zurückgeblieben. Aber er war wohl nicht verletzt. Über Jambor und Benji flog ein Schwarm Vögel so schnell über ihnen hinweg wie sie nur konnten. Ihnen war klar, wenn die Vögel in Scharen den Wald verließen, dann würde es auch die Neugierde der Menschen anziehen, die in der Nähe wohnten. Und es könnte gleichzeitig Rettung bedeuten. Zumindest hofften Benji und Jambor das. Unterdessen eilten die beiden Freunde durch den Wald, um nach ihren Familien zu sehen. Als sie ihre Eltern und Jambors Geschwister fanden, stellten sie fest, dass alle wohlauf waren und besorgt am anderen Ende des Waldes auf Benji und Jambor warteten. Für sie war es der kürzeste Weg um sich in Sicherheit zu bringen.
Sie hatten immerhin keine Ahnung wo sich die beiden gerade aufhielten.
Und die Rufe ihrer Eltern und Geschwister hatten sie nicht gehört. Dafür waren sie zu weit entfernt gewesen. Jambor hatte die Idee zum Haus mit dem Möhrenfeld aufzubrechen. Denn dort wohnte sein Freund das Stallkaninchen und dort fanden sie Menschen, die bestimmt bereit waren, den Waldbewohnern zu helfen. Jede noch so kleine Unterstützung war hilfreich. Als Jambor am Grundstück ankam, erschien erst alles ruhig und verlassen. Doch als er zu den Hasenställen kam, bemerkte ihn Floppy das Stallkaninchen und Jambor erklärte ihm, was passiert war.
„Deshalb also diese Unruhe, die vom Wald ausgeht. Ich habe schon seit einiger Zeit Gefahr gewittert.“ Floppy verstand sofort, dass ihn Jambor nur darum aufgesucht hatte, weil er Hilfe erhoffte. „Da die Menschen das Feuer im Wald schon längst mitbekommen haben“, so erzählte ihm Floppy, „sind sie seit einer ganzen Weile schon mit Eimern, Erde und reichlich Wasser los und in Richtung Wald unterwegs.“ Jambor bedankte sich und eilte augenblicklich zurück zu seiner Familie und zu Benji. Als sie dort ankamen, brannte der Wald nicht mehr. Überall standen Menschen, die gemeinsam das Feuer löschten und sich nun das Ausmaß des Brandes betrachteten. Alles war grau, verbrannt und es war kaum noch etwas grünes Gras zu sehen. Es war ein Wunder, dass nicht mehr Schaden entstanden war. Obwohl kein grünes Blatt mehr an den Bäumen hing, war glücklicherweise nicht mehr passiert. Benji, seine Mutter und Jambors Familie standen weit abseits der Menschen.
So, dass sie sie nicht sehen konnten. So viel Vertrauen hatten sie den Menschen gegenüber nicht. Den verbrannten Wald mussten sie meiden. Dort zu wohnen, war noch zu gefährlich. Daher blieb ihnen vorerst nichts anderes übrig, sich ein neues Zuhause zu suchen.
„Es wird eine sehr lange Zeit brauchen bis alles wieder grünt und aufgeblüht ist“, stellte Benjis Mutter traurig fest.
„Wir müssen uns wohl zunächst eine neue Heimat suchen“, bestätigte Jambors Mutter, die das alles ebenso wenig fassen konnte. Es ist niemand zu Schaden gekommen, keiner war verletzt. Das war das wichtigste. Selbst der kleine Fuchs, der vorhin noch am Waldrand saß, hatte seine Familie wieder gefunden. Gemeinsam durchstreiften Benji, seine Mutter, Jambor und seine Familie den Wald auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Alles war gut ausgegangen. Sie fanden eine neue Unterkunft in einem anderen Stück Wald. Möglicherweise würden sie sogar neue Freunde kennenlernen.


10. Kapitel – Ein Neuanfang im Wald

Tatsächlich dauerte es sehr lange bis sich der Wald wieder erholt hatte und die ersten Waldbewohner zurück in ihr gewohntes Gebiet ziehen konnten, um sich dort erneut etwas aufzubauen.
„Es ist fast wie früher“, meinte Jambor plötzlich, nach langem Schweigen. Sie saßen auf der großen Wiese, auf der sie als Kinder so gern spielten. Inzwischen war Benji zu einem stattlichen Bären herangewachsen und auch Jambor war erwachsen geworden.
„Es ist für alle ein neuer Anfang“, antwortete Benji seinem Freund.
Sie erinnerten sich nicht gern an den Waldbrand, dafür aber umso lieber an die unbeschwerte Kindheit, in der sie so vieles über das Leben lernten und so viel zusammen erlebten. Die letzten Monate veränderte vieles. Der Wald erholte sich.
Bei manch einem Waldbewohner gab es Nachwuchs. Auch Benji und Jambor waren nicht mehr allein, denn eines Tages lernten die beiden im neuen Gebiet, in dem sie lebten, Sophie und Julia kennen. Sie freundeten sich an, waren ständig auf Entdeckungstour und unternahmen zusammen viel. Sie verstanden sich. Währenddessen wurden sie älter. Jambor hatte zwar seine Eltern und seine Geschwister zurückgelassen, die lebten jetzt in dem neuen Wald, doch sie sahen sich dennoch regelmäßig. Das was ihnen einst als Zufluchtsort dienen sollte, war inzwischen mehr geworden. Es war für viele Tiere eine neue Heimat geworden. Benjis Mutter hingegen ist weiter gezogen, hielt den Kontakt zu ihrem Sohn dennoch. Er würde sich an ihre klugen Ratschläge erinnern und sie, wann auch immer es nötig war, auch für sein weiteres Leben anwenden.
Wenn etwas zu Ende geht, dann beginnt meist etwas neues. So hatte Benjii Sophie an seiner Seite. Jambor dafür Julia. Und mit ihnen gemeinsam gingen sie nun jeden Weg zusammen. „An diesem Ort haben wir so viel erlebt, Jambor“, sagte Benji, der gerade auf den See schaute, der nicht unweit von ihnen entfernt war. Jambor lag auf der grünen Wiese. Sie genossen den Tag. Jambor erinnerte sich daran, wie Benji ihn damals vor dem Angriff des Greifvogels ein zweites Mal das Leben rettete.
Wie Benji damals den Hilferuf von Jambor hörte, reagierte er sehr schnell.
Ohne zu zögern ging er zum Gegenangriff über und scheuchte den angriffslustigen Vogel von Jambor fort. Immer wieder. Es war knapper denn je. Und doch schaffte es der tapfere Bär schlussendlich.
Die Mühe hatte sich gelohnt. Jambor lernte einen seiner Artgenossen kennen, ein fremdes Stallkaninchen namens Floppy. Ihm ging es gut. Denn wie versprochen, besuchte Jambor ihn regelmäßig. Die Freundschaft von Benji und Jambor war unerschütterlich. Wenn Benji oder Jambor auch mal in Gefahr waren, standen sie immer wieder für einander ein, lernten zu vergeben und spürten das unsichtbare, feste Band ihrer Freundschaft jeden Tag. „Wie doch die Zeit vergeht“, antwortete ihm Jambor nachdenklich. Die ganz besondere Freundschaft zwischen den beiden festigte sich erst durch die vielen gemeinsamen Abenteuer. Egal welches Problem ihre Freundschaft belastete, es wurde spätestens am nächsten Tag aus der Welt geschafft. Und manchmal half Mutter Bär, der alte Dachs oder Frau Eule weiter, die mehr Lebenserfahrung hatten.
Jetzt lebten Benji und Jambor wieder in ihrem geliebten Wald und der Herbst machte allmählich Platz für die kalte Winterzeit. Eine Zeit, in der Bären, Hasen, Rehe und einige Tiere mehr sich für einen langen Schlaf in ihre Höhlen zurückzogen, nachdem sie sich einen reichlichen Vorrat an Lebensmitteln angelegt hatten.
Wenn der Frühling dann nahte, erst dann erwachten die Tiere aus ihrem langen Schlaf und der Kreis des Lebens begann neu.